Auf den Spuren des Pentaeder


Werkstattbericht

Tina zum Zweiten

Vor Heribert Prantl ziehen wir schon zum zweiten Mal dankend den Hut! Was er unter dem Titel „Demo, Demos, Demokratie“ am 2. Oktober 2010 auf Seite 2 in der Süddeutschen Zeitung zu der Auseinandersetzung um „Stuttgart 21“ schreibt, ist, auf den politischen Raum bezogen, in vielen einzelnen Punkten das Spiegelbild dessen, was uns für das Entscheiden in Organisationen bemerkenswert erscheint. Zum SZ-Artikel »

„Stuttgart 21“ ist ein eklatantes aktuelles Lehrbeispiel sowohl des Missbrauchs von TINA als auch von Prozessblindheit. Beides führt zwangsläufig zu Weniger-Gut-Entscheiden als möglich, zu vielen Verlierern und, vorsichtig formuliert, in jedem Fall jetzt schon zu einem unnötig „suboptimalen“, ökonomisch und emotional allzu teuren Ergebnis.

Wir ergreifen nicht Partei, sondern fragen schlicht: Wer sorgt für einen bestmöglichen Prozess des Entscheidens? Es ist bezeichnend und erschreckend, dass unter den vielen Stimmen, die sich zu Wort melden, kein einziger vertrauenswürdiger Prozessmanager zu hören ist. Nur Vertreter von Partikularinteressen. Niemand übernimmt dafür die Verantwortung, dass die bekannten elementaren Regeln für einen qualitativ hochwertigen Prozess des Entscheidens beachtet werden; was bei einer Investitionssumme von 7 Milliarden Euro (oder werden es in 10 Jahren tatsächlich viel mehr sein?) und der Zerstörung von viel gesellschaftlichem Vertrauenskapital nicht zu viel verlangt sein sollte, oder? Außer dem vielfachen, immer auf die Anderen gemünzten und damit unglaubwürdigen, Hinweis, man möge doch bitteschön de-eskalieren hört und liest man absolut nichts, WIE der Prozess des Entscheidens wenigstens ab jetzt besser verstanden, gestaltet und verantwortet werden könnte.

Welche, neben den von Heribert Prantl und oben erwähnten, weitere offensichtliche Mängel an Professionalität im Prozess des Entscheidens bei „Stuttgart 21“ (oder „K21“) sind hier in Kürze zu nennen? Eine 2-semestrige Lehrveranstaltung, selbst eine erstklassige Dissertation könnten nicht alle angemessen dokumentieren und vertiefen.

Hier seien vier angerissen: Konflikt kann sehr nützlich sein, spitzt zu, aber Polarisierung, wo weder Platz noch Aufmerksamkeit für die vielen Gestaltungsmöglichkeiten zwischen Entweder-Oder, zwischen (verwundeten) Gewinnern und (für die Umsetzung der Sache verlorenen) Verlierern bleibt, schadet allen, auch den nicht direkt Involvierten. Das Konzept des Dialogs, das heute wichtiger denn je ist (siehe David Bohm, und viele andere), wird als inhaltslose Forderung an und Waffe gegen „die anderen“ missbraucht. Sachgerechte Argumentation: Von beiden Seiten werden am laufenden Band haarsträubend hanebüchene Behauptungen und Kostenrechnungen aufgestellt. Sie verdienen die Bezeichnung „Argument“ wahrlich nicht und verhärten so tatsächlich – das kann doch nicht Absicht sein, oder? – die Nicht-Verständigung. Last but not least, noch eine Konkretisierung zum Prozessverständnis. Alle wissen, dass das „Wie“ im Prozess des Entscheidens genauso wichtig ist, wie das „Was“; wichtiger sogar, wenn die Zustimmung der Betroffenen für das Gelingen in der Umsetzung der Entscheidung relevant ist. Und der Prozess des Entscheidens – nach dem Beschluss (im Planfeststellungsverfahren) – bietet noch unendlich viele Möglichkeiten das Ganze zu einem (vielleicht unerwartet) guten Ende zu bringen. Es ist nie zu spät, einen Entscheidungsprozess besser zu verstehen, zu verantworten und besser zu gestalten.

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